Schach. Zug um Zug. Eine Entwicklungsgeschichte

Mag schon sein, daß wir Schachspieler irgendwann einmal beiläufig von der Russischen Schachschule gehört haben. Doch wozu soll das gut sein und diese Einteilung in verschiedene Schachschulen, wann fing das eigentlich an? Ist das nur eine weitere Schublade in unserem Systematisieren der Welt?

Schach steckt noch in den Kinderschuhen

In der Renaissance ging es mit der Italienischen Schachschule los. Das 15. und 16. Jahrhundert war die Glanzzeit der italienischen Höfe. Die Villen der Medici schmückten sich zum Beispiel mit Botticellis „Geburt der Venus“. Doch das ist eine ganz andere Geschichte.

Es ist keine zufällige Erscheinung, dass die Entwicklung des neuzeitlichen Schachs gerade neben den künstlerischen Schöpfungen der Renaissancekultur beginnt. Die Rückbesinnung auf eine tausendjährige Geschichte des Schachspieles bietet ein weites Feld für den erwachenden und neugierigen Forschergeist jener Epoche. Es ist der Beginn der Schachstrategie und Taktik.

Oft ist die Rede von Gioacchino Greco. (1) Doch hier ich möchte unseren Blick auf den Erfinder der Cardanwelle lenken. Geralomo Cardano. (2) Er war mit Leonardo da Vinci befreundet. Cardano war ein Zocker. Nach dem Tod seines Vaters brachte er sein kleines Erbe schnell durch und finanzierte sein Leben meist durch Spiel mit Karten, Schach und Würfel. Eines seiner Werke trägt den vielsagenden Titel „Wie gewinnt man im Schach“. Wollen wir das nicht alle? Wie viele Bücher wurden seitdem zu diesem Thema in allen möglichen Variationen gedruckt? Meine bescheidene Bibliothek erzählt mir viele Meter lang von dieser unendlichen Geschichte…

Schach erlernen, aber richtig?!

Angeblich sollten wir, um Schach zu lernen, die gesamte Entwicklungsgeschichte der Schachkunst durchlaufen. Diese Entwicklungsphasen starten damit, jede Gelegenheit zu nützen, um dem König Schach zu bieten, die Dame ins Spiel zu bringen, das alles möglichst sofort, ohne weitere Entwicklung der anderen Figuren, um eine scharfe Königsattacke zu reiten. Romantisch, nicht wahr? Schäfer/Idiotenmatt, Patzer sieht Schach, Patzer gibt Schach. Alles nur geronnene Schachweisheiten oder erzählt es doch von der Magie des Spiels? Allem Anfang wohnt ein Zauber inne. Jedenfalls scheute man keine Opfer, um den Skalp des Königs zu erlangen. Hikaru Nakamura tritt heute im Bulletschach mit dem überraschenden 1.e4 e5 2.Dh5 in die Fußstapfen Grecos. Das ist legendär, modern und läßt unsere Herzen höher schlagen.

Fährtenleser Willy Hendriks

Wer sich hier und jetzt auf die Suche begeben möchte, der findet eine wunderbare Darstellung über die Entwicklungsphasen des Schachspieles im neuesten Buch von Willy Hendriks „On the origin of good moves“. (3) Schon mit seinem Cover provoziert Hendriks und schlägt zugleich einen großen Bogen. Der Affe vor dem Schachbrett geht möglicherweise auf eine Darstellung der schachspielenden Affen im Dom zu Naumburg zurück. (4) Eine Reise durch die Zeiten, beginnend mit der Italienischen Schachschule, immer auf der Suche, wie sich das Schach weiterentwickelte. Wer sucht, der findet. Grecos Läuferopfer auf h7, ein ersticktes Matt von Del Rio. Hendriks erzählt uns von einer Schachclique in Modena und nimmt uns Leser fest an die Hand und läßt uns nicht mehr los. Er lobhudelt nicht. Der in der Schachliteratur allzu gefeierte Philidor – Der Bauer ist die Seele des Schachs – kommt gar nicht gut weg. Philidors Beispiele sind eher schwach und überzeugen wegen ihrer Künstlichkeit nicht allzu sehr. (5) Entscheidend ist nach Hendriks Verständnis jedoch der in Gang gesetzte Prozeß. Er möchte aufzeigen, wie sich das Wissen über Schach fortlaufend entwickelte und wie unsere Möglichkeiten, gutes Schach zu spielen durch diese Schachspieler erheblich verbessert wurde. Die Lopez/Philidor-Fraktion, kurz die Spanische Schule, die auf abstrakte Konzepte setzte, führte zu einer bis heute anhaltenden Diskussion, wie man Schach spielen soll und nicht nur, wie man im Schach einfach gewinnt.

Vive la France

Hendriks erzählt mit großem Genuß über die Rivalität zwischen England und Frankreich. Wer ist Schachweltmeister? Den Wettkampf der Nationen, ausgetragen von den damals weltbesten Schachheroen Mc Donell und La Bourdonnais, konnten die Franzosen für sich verbuchen. (6) Das Spielniveau läßt aus heutiger Sicht zu wünschen übrig. Doch nur durch die Auseinandersetzung auf dem damals höchsten Level führte zur nächsten Stufe der Schachevolution.

Wissensexplosion

Via London 1851, genannt seien hier nur Staunton (7) und Anderssen (8), eilen wir Leser an Morphy (9) vorüber, verharren bei Louis Paulsen (10), vertiefen unsere Kenntnisse über Steinitz (11). Ein gewaltiges Anwachsen an Theorie und neuem Wissen bestimmt von nun an den Fortgang der Geschichte.

Back to the future

Einem roten Faden gleich leitet mich Hendriks Buch durch die weiteren Entwicklungen der Schachevolution. Ich frage mich, ob ich in meiner Kindheit und Jugend  1.e4 gespielt habe? Ganz bestimmt. In der Pubertät dann sicher nicht mehr. Ich musste doch etwas anderes als mein Vater spielen! Sigmund Freud (12) mag nun tadelnd seinen Zeigefinger heben, aber da blieb wohl nur 1.d4 übrig. Wie schön beschreibt Hendriks den Kampf der Autoritäten in einem weiteren Kapitel über die Indischen Eröffnungen. Die Inspirationen des Inders Moheschunder Bannerjee fanden ihren Weg nach England. Patriarchen wie Paul Morphy schoben die Indischen Eröffnungen abfällig zur Seite und bereiteten damit 1.e4 e5 als test by the best den Weg in der weiteren Schachentwicklung. Hans Kmoch stellte später in seiner „Kunst der Bauernführung“ klar, dass eben nicht Reti, Pirc und Kollegen die Erfinder der Inder gewesen sind. (13) Es folgen viele weitere spannende Entwicklungen und Bezüge zur Neuzeit. Alle zu benennen sprengt den Rahmen dieser Besprechung.

Fazit  Was immer Du tun kannst oder wovon Du träumst – fang damit an. J.W. Goethe

Der historisch interessierte Leser mag diese Entdeckungen mit der Lektüre von Willy Hendriks sceptic guide to better chess selbst erkunden! Insgesamt bietet das Werk durchgehend „leicht verdauliche Kost“ an, gerade das Richtige für den schon aufstrebenden Spieler. In der Hand des unerfahrenen Spielers oder gar des Anfängers wird es nicht glücklich machen. Mit einfachen Fremdsprachkenntnissen ausgerüstet wird der Leser gut mit dem Buch zurechtkommen.

Wem das immer noch nicht genügt, der kann sich gerne mit den jüngsten Entwicklungen der Italienischen Eröffnung beschäftigen. Dazu auf www.chessbase.de von Jana Schneider (14) die Rezension – Wesley So: „My black secrets in the Modern Italian“

„Chess is an Art“ sagt Supergroßmeister Wesley So auf seiner DVD „My black secrets in the Modern Italian“ von 2018. Gemeinsam mit Internationalem Meister Oliver Reeh zeigt er einige seiner künstlerischen Glanzpartien mit dem geschlossenen Italiener. Vorwiegend aus schwarzer Sicht erklärt er neueste Ideen und Entwicklungen in der Mode-Eröffnung. Darüber hinaus gibt er Einblick in seine eigenen Gedankengänge und schachlichen Vorlieben.


Anmerkungen – Fußnoten, Quellen wikipedia, chessbase

(0) Diogenes von Sinope, soll schon im 4. Jahrhundert vor Christus gefragt haben, ob alle Entdeckungen und Erfindungen etwas an der Mühsal der Mehrheit geändert hätten.

(1) Gioacchino Greco, der um 1600 in Kalabrien geborene Greco steht am Schluss des „Goldenen Zeitalters“ des italienischen Schachs. Bereits 1619 machte er in Rom von sich reden, als er gegen mehrere führende Meister spielte und gewann. In diesem Jahr schrieb er auch seine erste Abhandlung über das Schach mit von ihm kommentierten Partien. Freerk Bulthaupt schreibt in seinem Roman „ÖFFNUNGEN – Die Lebenszüge des Schachmeisters Greco“ von dem italienischen Schachmeister Gioacchino Greco (1600 bis ca. 1630), der als einer der ersten Schachprofis gilt und einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Königlichen Spiels leistete. Es gibt weder ein Bild noch eine Beschreibung. Da auch über sein Leben nur wenig bekannt ist, hat sich der Autor angeregt gefühlt, eine mehr fiktive als historisch korrekte Biographie zu entwerfen.

(2) Gerolamo Cardano, auch Geronimo oder Girolamo Cardano (von Mailand) sowie Cardan, lateinisch Hieronymus Cardanus (Mediolanensis) (* 24. September 1501 in Pavia; † 21. September 1576 in Rom), war ein italienischer Arzt, Philosoph und Mathematiker und zählt zu den Renaissance-Humanisten.

(3)Willy Hendriks war Sieger unseres Bavaria Donau Cups, Schachopen 2017. Das waren noch Zeiten! Vor Corona. Hendriks „Erst ziehen, dann denken“ ist eines meiner Lieblingsbücher.

(4) Schach spielende Affen in Naumburg (von Johannes Fischer auf www.chessbase.de 03.07.2018) Der Naumburger Dom in Naumburg gilt als eine der bedeutendsten Kathedralbauten des Hochmittelalters. Die Unesco hat den Dom zum Weltkulturerbe erklärt. Wer sich das imposante Bauwerk anschaut, wundert sich vielleicht über die Figur zweier Schach spielender Affen an der Nordseite des Ostchores. Wie und warum sind die Affen dorthin gekommen? aaO.

(5) Philidor François-André Danican Philidor war ein französischer Komponist und galt zu seinen Lebzeiten als bester Schachspieler der Welt. Heutzutage ist die Erinnerung an sein Musikschaffen verblasst, dafür ist er als grundsteinlegender Vordenker modernen Schachs weltbekannt.

(6) McDonnell spielte im Westminster Chess Club in London, wo er auch als ausgezeichneter Blindschach-Spieler glänzte. Sein mutiges Angriffsspiel war ebenso gefürchtet wie seine langsame Spielweise. Schachuhren existierten noch nicht, und Partien mit ihm dauerten oft bis zu sechzehn Stunden.  1823 reiste er nach Paris, um sich dort mit La Bourdonnais zu messen. Er verlor die meisten Partien. Ein offizieller Wettkampf zwischen beiden fand im Jahr 1834 in London statt. Es war das erste bedeutende Match der modernen Schachgeschichte. McDonnell konnte zwar 30 Partien gewinnen, verlor aber 44 und spielte 14 unentschieden. Bevor es zum Rückkampf kam, starb McDonnell am 14. September 1835. Die Stellung nach 1. e2–e4 e7–e5 2. f2–f4 e5xf4 3. Sg1–f3 g7–g5 4. Lf1–c4 g5–g4 5. Sb1–c3 g4xf3 6. Dd1xf3 wird das McDonnell-Gambit genannt.

(7) Howard Staunton war ein bedeutender britischer Schachspieler, Schachjournalist und Shakespeare-Forscher. Er galt zwischen 1843 und 1851 als stärkster Schachspieler der Welt

(8) Adolf Anderssen war ein deutscher Schachspieler und einer der stärksten Schachspieler des 19. Jahrhunderts.

(9) Paul Charles Morphy (* 22. Juni 1837 in New Orleans, Louisiana; † 10. Juli 1884 ebenda) war ein genialer US-amerikanischer Schachspieler des 19. Jahrhunderts und der stärkste Spieler in den Jahren 1858 bis 1861.

(10) Hermann Louis Paulsen war einer der stärksten Schachspieler des 19. Jahrhunderts aus Deutschland.

(11) Wilhelm Steinitz war ein österreichisch-amerikanischer Schachmeister aus Böhmen und von 1886 bis 1894 der erste allgemein anerkannte Schachweltmeister.

(12) Sigmund Freud war ein österreichischer Neurophysiologe, Tiefenpsychologe, Kulturtheoretiker und Religionskritiker. Er ist der Begründer der Psychoanalyse und gilt als einer der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Seine Theorien und Methoden werden bis heute diskutiert, angewendet und kritisiert.

(13) Hans Kmoch (* 25. Juli 1894 in Wien; † 14. Februar 1973 in New York City) war ein in die USA emigrierter österreichischer Schachspieler, Schachschiedsrichter und Schachjournalistwar Sekundant von Alexander Aljechin während seiner WM-Kämpfe gegen Efim Bogoljubow und Turnierleiter während des WM-Kampfes Aljechins gegen Max Euwe 1935.

(14) Jana Schneider (* 11. April 2002 in Karlstadt[1]) ist eine deutsche Schachspielerin. Im Alter von vier Jahren erlernte sie das Schachspiel von ihrem Vater. Von 2008 bis 2018 spielte sie bei der SpVgg Stetten 1946, seit der Saison 2018/19 spielt sie beim SC Bavaria Regensburg von 1881 in der Oberliga Bayern. Trainiert wurde sie u. a. von Michael Prusikin. In der deutschen Frauenbundesliga spielt Jana Schneider seit der Saison 2014/15 für den SC Bad Königshofen und gewann mit diesem 2019 den Titel.